Berufsunfähigkeitsversicherung: Konkrete & abstrakte Verweisung


Bei der Berufsunfähigkeitsversicherung unterscheidet man grundsätzlich zwischen einer konkreten und abstrakten Verweisung. Ob und wann der Versicherer im Falle der Fälle eine Rentenzahlung erbringen, hängt entscheidend von der Verweisbarkeit auf eine andere Tätigkeit ab. Wer hierauf beim Abschluss nicht besonders Acht gibt, muss mit erheblichen Einschränkungen und Leistungsverzicht rechnen.

Ihr Berufsunfähigkeit ist Auslegungssache

Frau mit Fragezeichen
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Eine private Berufsunfähigkeitsversicherung schützt die versicherte Person vor den finanziellen Folgen einer Berufsunfähigkeit durch Zahlung einer monatlichen Rente. Die Versicherungsgesellschaft ist demzufolge dann zur Leistung verpflichtet, wenn die versicherte Person auch tatsächlich als berufsunfähig gilt. Doch was genau das Versicherungsunternehmen unter „Berufsunfähigkeit“ versteht und auf welche berufliche Tätigkeit sich dessen Leistungspflicht bezieht, ist nicht einheitlich geregelt.

Die Versicherungsbranche unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen der konkreten und der abstrakten Verweisung. Wie der Begriff „Berufsunfähigkeit“ ausgelegt wird ist von immenser Bedeutung und sollte ein wichtiges Kriterium für den Vertragsabschluss darstellen.

Wann eine konkrete Verweisung vorliegt

Vollständige Berufsunfähigkeit liegt vor, wenn die versicherte Person infolge Krankheit, Körperverletzung oder Kräfteverfalls, die ärztlich nachzuweisen sind, voraussichtlich mindestens 6 Monate außerstande ist, seinen bisherigen Beruf auszuüben oder aktuell eine andere seinen Fähigkeiten und Erfahrungen angemessene Tätigkeit auszuüben, welche seiner bisherigen Lebensstellung entspricht.

So oder so ähnlich könnte in einem Vertrag für eine Berufsunfähigkeitsversicherung der Bedingungstext zur konkreten Verweisung lauten. Diese Form der  Verweisung bezieht sich also auf die von Ihnen bislang ausgeübte berufliche Tätigkeit. Der Versicherer zahlt demnach, wenn Sie in Ihrem derzeit ausgeübten Beruf berufsunfähig werden. Sofern Sie jedoch einem anderen gleichwertigen Beruf nachgehen können, wird das Versicherungsunternehmen auf diese Tätigkeit verweisen und keine Leistungen erbringen.

Im Falle einer konkreten Verweisungsklausel können Sie nur dann auf eine konkrete Tätigkeit verwiesen werden, wenn Sie:

  • durch diesen anderen Beruf eine vergleichbare soziale Wertschätzung erlangen,
  • mit der neuen Tätigkeit ein vergleichbares Einkommen erzielen (in der Regel darf die zumutbare Minderung nicht mehr als 25% betragen),
  • von der neuen Position weder über- noch unterfordert werden,
  • für diese Tätigkeit eine entsprechende Vorbildung besitzen.

Beispiele:

  • Der Tätigkeit des Bäckers können Sie nicht länger nachgehen. Wenn Sie eine anschließende Umschulung zum Bürokaufmann erfolgreich absolvieren, müssen Sie damit rechnen, bei annähernd gleichem Gehalt auf diesen neu erlernten Beruf verwiesen zu werden.
  • Da Sie nach einem Unfall zwei Finger verloren haben, ist die weitere Tätigkeit als Chirurg ausgeschlossen. Weil Sie bislang allerdings auch als allgemein praktizierender Arzt gearbeitet haben, kann man Sie auf diese Tätigkeit verweisen.
  • Sie sind in Ihrem ursprünglichen Beruf als Masseur berufsunfähig geworden, üben nebenher jedoch auch den Beruf eines medizinischen Bademeisters aus. Ein Verweis auf diese Tätigkeit ist Ihnen sicher.

An strenge Voraussetzungen geknüpft

Gilt bei der Berufsunfähigkeitsversicherung eine konkrete Verweisung als vereinbart, so müssen Sie beweisen und darlegen, warum Sie auf eine Tätigkeit, welche Sie aktuell ausüben, nicht verwiesen werden können. In der Praxis hat die konkrete Verweisung keine so drastischen Nachteile wie die abstrakte Verweisung.

Grundsätzlich hat die Versicherung in beiden Fällen die Möglichkeit, Sie auf eine andere Tätigkeit zu verweisen. Bei der konkreten Verweisung darf dies allerdings nicht auf irgendeine mögliche Tätigkeit erfolgen. Hiermit ist das Risiko, trotz starker gesundheitlicher Beeinträchtigung weiter im Berufsleben zu verbleiben, deutlich geringer.

Der Versicherer wird sicherlich die Möglichkeit einer weiteren Berufstätigkeit prüfen und anregen. Sein Verweis muss sich jedoch immer auf einen konkreten Arbeitsplatz beziehen. Zusätzlich müssen Sie für die alternative Tätigkeit eine entsprechende Ausbildung abgeschlossen haben. Die Versicherung kann Sie hierbei nicht dazu zwingen, erneut die Schulbank zu drücken, um schließlich einen Beruf zu erlernen, den Sie auch unter Berücksichtigung Ihres derzeitigen Gesundheitszustandes ausüben könnten. Hierdurch haben Sie zumindest die Sicherheit, in einer vergleichbar anspruchsvollen Tätigkeit und nahe Ihrem Berufsfeld eingesetzt zu werden.

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Wann eine abstrakte Verweisung vorliegt

Eine abstrakte Verweisung innerhalb einer Berufsunfähigkeitsversicherung bezieht sich auf eine Tätigkeit, die der Versicherungsnehmer rein theoretisch ausüben könnte. In den Vertragsbedingungen kann diese etwa folgendermaßen lauten:

Vollständige Berufsunfähigkeit liegt vor, wenn die versicherte Person infolge Krankheit, Körperverletzung oder Kräfteverfalls, die ärztlich nachzuweisen sind, voraussichtlich mindestens 6 Monate nicht in der Lage ist, seinen bisherigen Beruf auszuüben oder eine andere seinen Fähigkeiten und Erfahrungen angemessenen Tätigkeit ausüben kann, welche seiner bisherigen Lebensstellung entspricht.

Haben Sie eine solche Regelung vertraglich vereinbart, können Sie sich sicher sein, dass der Versicherer die vereinbarte Leistung nicht so schnell erbringen wird. Gegebenenfalls wird eine Zahlung sogar ganz verweigert. Schließlich wird der Versicherer bei Eintritt eine Berufsunfähigkeit versuchen zu beweisen und darzulegen, dass Sie zwar in Ihrem bisherigen Beruf nicht mehr arbeiten können, jedoch

  • Wertschätzung / Lebensstellung und Einkommen im neuen Beruf nicht spürbar unter dem Niveau der zuletzt ausgeübten Tätigkeit liegt,
  • sich die Arbeitsbedingungen in etwa entsprechen oder fortan sogar besser sein werden,
  • die derzeit verwertbare Erfahrung (Fähigkeiten und Kenntnisse) sowie Ausbildung für die neue Tätigkeit vorhanden sind,
  • den neuen Beruf trotz Ihrer gesundheitlichen Beeinträchtigung ausüben können.

Verweisung fast immer möglich

Eine solche Klausel in den Bedingungen einer Berufsunfähigkeitsversicherung sorgt fast immer für Zündstoff. Denn mittels einer solchen Formulierung haben Assekuranzen beste Aussichten, sich vor einer Leistung zu drücken. Der Versicherer wird eine Auszahlung der versicherten Rente in der Regel mit der Begründung verweigern, dass Sie zwar Ihren angestammten Beruf nicht mehr ausüben können, allerdings sehr wohl in der Lage sind, eine andere angemessene Tätigkeit auszuüben.

Was in diesem Zusammenhang als „angemessen“ gilt, muss in vielen Fällen von Anwälten und Gerichten geklärt werden. Solange wird die Versicherung keine Rentenzahlungen erbringen. Grundsätzlich wird jedoch eine berufliche Tätigkeit dann als angemessen erachtet, wenn diese Ihrem Wissen, Erfahrungen und bisherigen Lebensstellung entspricht.

Beispiele:

  • Aufgrund eine schweren Rheumas können Sie nicht länger als Chirurg tätig sein. Die Versicherung verweist Sie auf eine Schreibtischtätigkeit in der Klinikleitung. Ob dort allerdings ein konkreter Personalbedarf besteht, ist für die Versicherung nicht von Belangen.
  • Sie können aufgrund eines Gelenkproblems nicht mehr Ihrer Tätigkeit als Handwerker nachgehen. Unabhängig von jeglicher Marktsituation, macht Sie die Versicherung darauf aufmerksam, dass Sie ebenso gut als Nachtwächter arbeiten können.
  • Der Beruf des Schlachters kann Ihnen aufgrund einer Allergie nicht mehr zugemutet werden. Die Versicherung ist der Meinung, dass Sie jedoch problemlos als Busfahrer Ihre Brötchen verdienen können.
  • Als bisheriger Abteilungsleiter werden Sie auf die Tätigkeit eines Pförtners verwiesen. Dies gilt auch, wenn aktuell keine Stelle frei ist.
  • Sie müssen als Fachverkäufer in einem Baumarkt arbeiten, weil Sie aufgrund Asthma nicht mehr als Autolackierer tätig sein können.

Immer eine konkrete Verweisung vereinbaren

Achten Sie beim Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung stets auf den Verzicht der abstrakten Verweisung. Ist diese ausgeschlossen, stellt der Versicherer die Rentenzahlung auch dann nicht infrage, wenn es Ihnen theoretisch möglich wäre, in einem vergleichbaren Beruf zu arbeiten. Selbst auf die aktuelle Arbeitsplatzsituation würde der Versicherer keine Rücksicht nehmen. Sinnvoll ist die konkrete Verweisung insbesondere für ungelernte Berufe oder Personen mit häufigem Berufswechsel.